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Die Anfänge des Festival Grenzüberschreitungen sind auf das Engste mit dem Iwalewa-Haus, dem Museum für die Gegenwartskultur Afrikas der Universität Bayreuth verbunden. Von 1981 bis 1984 und von 1989 bis 1996 leitete der Publizist und interkulturelle Kunstförderer Ulli Beier das Iwalewa-Haus und machte es gemeinsam mit seiner Frau, der Künstlerin Georgina Beier, zu einem Haus internationaler Begegnungen, gelebter Gastfreundschaft und aufregender künstlerischer Erfahrungen.

Der bewegte Lebenslauf der Beier-Familie, der sie von Europa nach Nigeria, von dort nach Deutschland, dann nach Papua Neuguinea, zurück nach Deutschland und schließlich nach Australien führte und ihr kreatives und und im wahrsten Sinne des Worte Völker verbindendes Wirken ist in dem Kunstkatalog "Georgina Beier" (Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2001) nachzulesen.

Zum Abschied Ulli Beiers aus dem Iwalewa-Haus im Jahr 1996 wurde eines der aufwendigsten Festivals der Reihe Grenzüberschreitungen organisiert. Aus diesem Anlass verfasste die Musikethnologin und Rundfunk-Journalistin Barbara Wrenger (WDR) die inzwischen vergriffene Broschüre „Grenzüber- schreitungen. Multikulturelle Musik im Iwalewa-Haus 1981-1996“. In dem Heft, dessen Text im folgenden gekürzt wiedergegeben wird, stellt Wrenger die Tätigkeit Ulli und Georgina Beiers im Iwalewa-Haus dar und beleuchtet die Anfänge des „Festivals Grenzüberschreitungen“.

GRENZÜBERSCHREITUNGEN
Multikulturelle Musik im Iwalewa-Haus (1981-1996)

„Iwalewa - Charakter ist Schönheit“ lautet ein Sprichwort der Yoruba Nigerias, das dem Haus in Bayreuth nicht nur den Namen gab, sondern auch seine Intention beschreibt. In der Einführung zum Festprogramm anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Einrichtung schreibt Ulli Beier: „Wir haben dieses Haus IWALEWA getauft, weil wir nicht die Exotik fremder Kulturen präsentieren wollen. Wir wollen uns nicht nur mit der formalen Schönheit fremder Kunstgegenstände befassen, wir wollen versuchen, ihre wahre Identität, ihr Iwa zu begreifen.“

Eine solch anspruchsvolle Idee zu verwirklichen bedeutet, sich unvoreingenommen und immer wieder von neuem auf Fremdes einzulassen und ein Verständnis anzustreben, das zu gleichen Teilen aus Toleranz und Zuneigung erwächst. Im Bereich der Musik ist das genauso wenig einfach wie in der Literatur oder der bildenden Kunst. Es gibt keine Weltsprache der Musik, sondern viele unterschiedliche musikalische Dialekte, und es gibt eine Vielzahl von Musikerpersönlichkeiten, die einzeln oder in Gruppen die Musikkultur ihres Volkes von der Vergangenheit in die Zukunft tragen.

Unter der Leitung Ulli Beiers gab das Iwalewa-Haus einer großen Zahl von Musikern die Möglichkeit, sich dem Publikum vorzustellen, Kontakte mit anderen Musikern aufzunehmen und durch gemeinsame Arbeit ganz neue Wege musikalischer Entwicklung zu finden. Das Iwalewa-Haus wurde so ein Ort für alle Sinne, das seinen Besuchern Augen und Ohren öffnete.

Künstler aus den USA, Europa und den Ländern des Nahen und Fernen Ostens schufen ein Kaleidospkop fremdartiger und vertrauter Klänge. Aber es entstand im Laufe der Zeit noch etwas anderes, das über die vielen Einzelveranstaltungen hinaus zu echter multikultureller Musik führte.

Es begann mit experimentellen Improvisationsversuchen der Musiker, die sich im Bayreuth, als Gäste des Iwalewa-Hauses, kennen und schätzen gelernt hatten. Multikulturelle Events - ein Feuerwerk lebendiger und unwiederholbarer Musik - fanden statt: „Flamenco Fusion“ (1990), das „East-West-Music-Festival“ (1991), die ersten Auftritte des Ensembles „Okuta Percussion“ , Trommelmusik beim „Festival Junger Künstler Bayreuth“ (1991) und das faszinierende Konzert mit dem Titel „Sängerinnen der Welt“ (1993) im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth.

In den achtiger und frühen neunziger Jahren wurde das Iwalewa-Haus zum Forum sowohl für junge, experimentierfreudige wie für gestandene traditionelle Musiker aus aller Welt. Hier trafen sie zusammen und entwickelten eine Musik, die immer wieder neu und überraschend anders ausfiel, als alles was man sonst unter dem Etikett „Weltmusik“ gemeinhin zu hören bekommt.

Das „Karnataka College of Percussion“ aus Bangalore in Südindien war mehrmals in Bayreuth zu Gast. Sein Leiter, der Mridangam-Spezialist T.A.S. Mani und seine Frau, die fabulöse Sängerin Ramamani, sind nicht nur exzellente Vertreter der klassischen karnatischen Musiktradition, sondern suchen beide auch nach neuen musikalischen Ausdrucksformen durch Fusion mit Jazz und anderen nicht-indischen Musiktraditionen. Sie konzertierten mit Charlie Mariano, mit „Okuta Percussion“ und mit dem englischen Saxofonisten Iain Ballamy.

Illustre Namen tauchten da auf: Billy Cobham, Hossam Ramzy oder die bulgarische „Teufelsgeigerin“ Elka Atanasova. Musiker, die kraft ihrer Persönlichkeit und ihres Könnens den Rahmen des Üblichen sprengen wie der australische Percussionist Greg Sheehan, der Flötist Ronald Snijders aus Surinam oder Mohammed El Toukhi, der ägyptische Nay-Flöten-Spieler, der im Spiel die Seele seines Instrumentes zu wecken scheint.

Musiker sind Grenzgänger; Musiker, die improvisieren ganz besonders. Von einem Moment zum anderen müssen sie ihr gesamtes Können und ihre Persönlichkeit einsetzen, müssen vollständige Konzentration aufbringen, um gute Musik machen zu können.

„A man can be a very great musician“, sagte T.A.S. Mani in einem Interview mit Ulli Beier, „but each concert is another test for him. ... You must try and achieve something! It is no use taking it lightly. ... Playing fusion is not easy: you have to have very good sense. You must study the character of the people who are playing with you and you must study their music. Without a plan, you can´t build a house.“

Kritiker wie Musikwissenschaftler der klassischen Richtung glaubten lange, Jazz, Fusion und improvisierte Musik sei etwas mehr oder weniger frei Erfundenes ohne theoretischen Hintergrund und kaum wert, untersucht zu werden, alldieweil es da nichts Substantielles zu untersuchen gäbe. Vorurteile, die heute eigentlich überwunden sein sollten. Und doch - die Probleme des Notenlesens und des Komponierens auf Papier sind jedem klar, aber wer kennt die rigorose Disziplin, die nötig ist, um ohne Paper zu komponieren?

Musik ist Arbeit, aber sie macht auch ungeheuren Spaß. Sie kann leicht sein und fordert doch den ganzen Menschen. Musiker sind Menschen wie wir alle und auch wieder nicht, denn im Gegensatz zu uns haben sie tagtäglich beruflich mit den eigenen Emotionen, ihren Stärken und Schwächen zu tun. Das Zusammenspiel ist eine Herausforderung an ihre Hingabebereitschaft und Kooperationsfähigkeit. Und was sie sind, zeigt sich vor aller Augen und Ohren.

Kreative, improvisierte Musik, wie sie im Iwalewa-Haus unter der Leitung Ulli Beiers gefördert wurde, kann nur in einer Atmosphäre des freundschaftlichen Miteinanders entstehen, braucht Zeit, Geduld und Ruhe. Ein solch inspirierendes Umfeld zu schaffen, sah Ulli Beier als seine Aufgabe an und mit Unterstützung der Stadt Bayreuth und privaten Sponsoren wie der Schmidtbank und dem Unternehmer Heinz Greiffenberger rief er 1994 erstmals das seitdem jährlich wiederkehrende multikulturelle Musikfestival ins Leben, das Festival Grenzüberschreitungen.

Es ging darum, kreatives Miteinander zu fördern und nicht, eine Parforce-Jagd durch ein vorbereitetes Programm zu veranstalten. Vier oder fünf Tage und Nächte haben die Teilnehmer Zeit, miteinander zu musizieren, zu reden, zu experimentieren und sich dabei einander kennenzulernen.

Alle Musiker, die bislang am Festival Grenzüberschreitungen teilnehmen konnten, betonen die positive Wirkung dieser besonderen Atmosphäre auf die gemeinsame Arbeit. Alle sind professionelle Musiker mit Freude am Experiment, mit Lust auf Neues, Unbekanntes, die ihre persönlichen Erfahrungen aus der eigenen Musikkultur in den Prozess des gemeinsamen Improvisierens einbringen.

Dabei kommt es zu künstlerischen und menschlichen Konfrontationen. Grenzen werden in vielfacher Weise überschritten: musikalische, indem Stile und Traditionen miteinander verschmelzen dürfen, menschliche im Prozess des Aufeinander-Zugehens. Und auch die Hörer sind gefordert. Sie müssen lieb gewordene Hörgewohnheiten überwinden, um den Musikern bei ihrer Reise ins Unbekannte einer Musik zu folgen, die erst im Moment der Aufführung defintiv Gestalt annimmt.

Eine Musik der Zukunft? Ganz sicher ein abwechslungsreiches Spiel mit den musikalischen Elementen aller Zeiten und Kulturen. Und damit könnte sie Vorreiter sein für menschliches Leben in der Multi-Kultur zukünftiger Generationen, denn diese Musik zu machen ist kein Job, sondern eine Lebensform.

(Barbara Wrenger)

Nach dem Ausscheiden Ulli Beiers aus dem Iwalewa-Haus 1996, machte sich das Festival Grenzüberschreitungen unabhängig von dieser universitären Einrichtung. Die Grenzüberschreitungen, Verein zur Förderung multikultureller Musik e.V. wurde gegründet, in dem sich Freunde und Sponsoren des Festivals zusammentaten, um dessen Zukunft zu sichern. Das Festival konnte sich so, gestützt auf sein bewährtes Konzept, weiter entfalten und zieht bis heute sowohl Musiker aus aller Welt als auch eine wachsende Besucherzahl an.